Offener Brief an das Publikum

In einem Offenen Brief zum Monat November 2020 wenden sich Johan Simons (Intendant Schauspielhaus Bochum), Prof. Michael Schulz (Generalintendant Musiktheater im Revier Gelsenkirchen), Prof. Rasmus Baumann (Generalmusikdirektor Neue Philharmonie Westfalen) und Florian Fiedler (Intentant Theater Oberhausen) an das Publikum:

 

Liebes Publikum!

In den letzten Monaten konnten wir alle zusammen feststellen, dass

sorgfältig ausgeführte Hygiene- und Abstandskonzepte
100 prozentige Nachverfolgbarkeit aller Kontakte
extrem leistungsfähige Belüftungsanlangen

dazu geführt haben, dass von den Theatern im Ruhrgebiet keine Gefahr für Ihre und unsere Gesundheit ausgeht und ein Theaterbesuch Sicherheit bietet.

Sie alle, die wir an unseren Theatern begrüßen durften, haben mit guter Laune und großer Dankbarkeit anerkannt, dass wir diese ganzen Anstrengungen unternommen haben, um für Sie, liebes Publikum, die Sie verantwortungsvoll und präventiv nicht mit Bussen und Bahnen, sondern zu Fuß, auf Fahrrädern, oder in Autos in die Theater gekommen sind, einen Raum offen zu halten, in dem Sie sich als fühlende und denkende Menschen im Austausch mit anderen erleben können. Theater sind Diskursorte und somit Ausdruck des freien Willens und Denkens, des Austausches und der Meinungsbildung.

Wir alle sind uns der großen Verantwortung bewusst, die wir für die Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für unsere Besucherinnen und Besucher haben. Aus den Theatern ist bisher kein Fall bekannt, in dem sich ein Zuschauer aufgrund seines Theaterbesuches infiziert hat.

Theater gehören zu den sichersten Räumen, die wir haben. Die Besucher bewegen sich mit großer Wachsamkeit und Ernsthaftigkeit durch diese Räume, welche die einzige Chance für so viele Menschen waren, der zunehmenden Vereinsamung und seelischen Verkümmerung zu entgehen.

Es macht uns ratlos und wütend, tatenlos zusehen zu müssen, wie die Kulturräume in einem Handstreich ohne hinzusehen, ohne gehört zu werden und ohne parlamentarisches Mandat trotz aller erfolgreichen Anstrengungen zum zweiten Mal geschlossen wurden.

Uns Kultur- und Theaterschaffenden fehlt inzwischen das Verständnis für den Entzug des, wie Herr Weizsäcker völlig richtig formuliert, „Lebensmittels“ Theater für die Gesellschaft, der Streichung kultureller Teilhabe und der bloßen Degradierung des Theaters auf verzichtbare Publikumsbespaßung , der gleichzeitigen Nennung mit Bordellen in einem Atemzug.

Wir verstehen uns als Orte der Lebendigkeit, als Rettungsinseln in einer Zeit, die jedem einzelnen so viel abverlangt. Wir hätten uns politischen Gestaltungswillen gewünscht, welcher der zunehmenden Vereinsamung alles entgegensetzt, was entgegenzusetzen ist: einen wichtigen Ort der Lebendigkeit.

Natürlich werden wir mit all unseren Möglichkeiten und Kräften auch im Lockdown an Teilhabe für Kunst und Kultur arbeiten und Angebote schaffen. Allerdings stellt die Online-Präsenz keine Alternative zum analogen Erleben von Vorstellungen und Miteinander dar.

Wir alle arbeiten weiter und bereiten alles vor, um im Dezember wieder für Sie zu spielen!

Wir vermissen Sie sehr, wir brauchen jeden einzelnen von Ihnen! Bleiben Sie uns treu. Bleiben Sie gesund: Wir sehen uns wieder!

Johan Simons
Intendant – Schauspielhaus Bochum

Prof. Michael Schulz
Generalintendant – Musiktheater im Revier

Prof. Rasmus Baumann
Generalmusikdirektor – Neue Philharmonie Westfalen

Florian Fiedler
Intendant – Theater Oberhausen

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