Auf Tuchfühlung mit Westfalen

klassik.com | Frederik Wittenberg

Sie fröstelte ein wenig. Vielleicht gab ihr das erst den rechten Ansporn, den kühlen westfälischen Sommerabend mit vorwiegend südamerikanisch-italienischen Klängen doch noch nach Kräften aufzuheizen. Und wenn das nicht mehr reichte, tanzte sie rockschwingend und sichtbar gut gelaunt über die Bühne. Anna Netrebko hätte fast alles machen können und das Publikum hätte es als allzu menschlichen Zug eines Superstars empfunden. Zusammen mit ihrem Partner Erwin Schrott und guten Freund Ramón Vargas anstelle des erkrankten Jonas Kaufmann verlieh sie dem münsterschen Schlossplatz für einen Abend den Anschein, es mit anderen Spielstätten wie etwa der Berliner Waldbühne aufnehmen zu können.

Von Frederik Wittenberg
(klassik.com)

Dass das "Gipfeltreffen der Stars" dann aber doch in der Hauptstadt Westfalens und nicht in der Bundeshauptstadt stattfand, muss man als absoluten Glücksfall für eine Stadt werten, in der noch vor vier Jahren der Bau einer Mehrzweckhalle, die auch und gerade Konzerten endlich einen passenden Rahmen gegeben hätte, in höchst polemischer Art durch einen Bürgerentscheid verhindert wurde. Absolute Weltstars in der musikalischen Provinz also; entsprechend gierig und dankbar saugte das in die Tausende gehende Publikum den Nimbus des glanzvollen Ereignisses auf. Substantiell konnte der Abend dann auch das einlösen, was er dem äußeren Anschein nach versprach: Hochklassige Ausnahme-Interpretationen, die es so schnell in Münster nicht mehr geben wird.
Nicht nur Jonas Kaufmann musste seinen Auftritt absagen, auch die zunächst angekündigte Prager Philharmonie wurde kurzerhand durch die Neue Philharmonie Westfalen ersetzt. Wer hier einen Qualitätsverlust vermutete, wurde eines besseren belehrt: Schon in der eröffnenden Ouvertüre zu Rossinis 'L’italiana in Algeri' entlockte Marco Armiliato dem Orchester federnd-leichte Italianitá. Im Folgenden erwies es sich als wandlungsfähiger, stets punktgenauer Begleiter, wenn auch die hohen Streicher insgesamt noch etwas dicker hätten auftragen dürfen. Das Programm bestand aus persönlichen Lieblingsstücken der Sänger, die glücklicherweise einen Bogen um die überstrapazierten Dauerbrenner der Marke 'La donna è mobile' oder 'Nessun dorma' machten. Verdi und Puccini waren dennoch gut vertreten, der erstgenannte sogar mit Auszügen aus den wenig gespielten Frühwerken 'Luisa Miller' und 'I Lombardi alla prima crociata' sowie 'I vespri siciliani', die besonders der Netrebko ausreichend Gelegenheit gaben, ihre stimmliche Sonderstellung zu unterstreichen. Bei keiner anderen Sängerin ist der Gang durch die Register vom Alt bis zu den Spitzentönen derart bruchlos und dennoch glutvoll beseelt. Ihr vergleichsweise dunkles Timbre begünstigt ein ungemein tragfähiges, leicht ansprechendes mezza voce, das sie eindrucksvoll in der Arie 'Io son l’umile ancella' aus Cileas 'Adriana Lecouvreur' einzusetzen verstand. In der Auftrittsarie der Sylva aus der 'Csárdásfürstin' war ihr Deutsch jedoch schlicht nicht zu verstehen. Sie machte es durch eine peppige Interpretation wett.
Einen kräftigen Kontrapunkt setzte dazu Erwin Schrott, der sowohl im klassischen Opernfach als auch in den tangodurchwirkten Klängen seiner südamerikanischen Heimat hörbar zu Hause ist. Als kraftstrotzender Méphistophélès in Gounods 'Faust' macht er eine ebenso gute Figur wie als sanfter Verführer in Astor Piazzollas 'Oblivion' oder Carlos Gardels 'El día que me quieras', bei dem er hingebungsvolle Unterstützung durch Mario Stefano Pietrodarchi am Bandoneon bekam. In seiner plakativen Entrücktheit wirkte er dabei allerdings unfreiwillig komisch. Ein markigerer Bassbariton, der seine Stimme aber ebenso balsamisch führen kann, ist schwerlich zu finden.
Ramón Vargas schließlich als Ersatz zu bezeichnen, ist fast eine Beleidigung. Sein Einspringen für Jonas Kaufmann brachte auch einige Programmänderungen mit sich, und man kann nur vermuten, ob er für das hier gespielte Repertoire nicht ohnehin die bessere Wahl gewesen wäre. Für das italienische Fach ist seine leicht metallische, obertonreiche Stimme wie gemacht. Auch er besitzt ein sehr schönes mezza voce, das er in 'Una furtiva lagrima' aus Donizettis 'L’elisir d’amore' oder besonders im für Caruso geschriebenen 'Core 'ngrato' von Salvatore Cardillo zu Gehör brachte.
Hingerissen war das Publikum spätestens im Duett 'Lippen schweigen' aus Lehárs 'Lustiger Witwe', an dessen Schluss sich Schrott und Netrebko küssten – das jedoch sicher weniger aus einem spontan Impetus heraus. Eigentlich schade, dass man dem Norddeutschen Figuralchor nur den Summchor aus Puccinis 'Madama Butterfly' als eigenen Programmpunkt überließ und ihn sonst nur in Interaktion mit den Solisten hörte. Netrebko, Schrott und Vargas verabschiedeten sich mit je einer Zugabe, bis der Jubel keine Grenzen kannte. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Ausnahme-Auftritt das Interesse an der Oper insgesamt geweckt oder gefördert hat und nicht spurlos verpufft. Das gilt besonders in einer Stadt, die wie viele andere vor weitreichenden Einsparungen im Theaterbereich steht und sich in der Vergangenheit geradezu feindlich gegenüber der Hochkultur gezeigt hat.

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