Aufbruch in neue Klangsphären

Rasmus Baumann widmet sich Orchester-Fragmenten in einem spannenden Sinfoniekonzert

von Bernd Aulich, Recklinghäuser Zeitung

Vier Fragmente oder Stücke, die man dafür halten könnte, hatte Generalmusikdirektor Rasmus Baumann für den gefeierten Auftritt im Musiktheater im Revier und gestern Abend im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen ausgewählt. Vier Beispiele für eine Grunderfahrung der Moderne, deren Keim bis in die Romantik zurückreicht: das Zerbersten vorgeblich sicherer Gewissheiten, verbunden mit dem Aufbruch ins Ungewisse. Sie prägte alle vier Stücke.

Mit einem solchen Programm unterstreicht Baumann seine Abkehr von gefälliger Konzertroutine. Der eloquente Dirigent weiß auch, wenn er nicht spricht, viel über Musik zu sagen. An diesem Abend wurde besonders deutlich, dass Baumann nicht nur das Bauchgefühl sondern auch die Wahrnehmung durch den Kopf anspricht.

Warum muss eine Sinfonie unbedingt vier Sätze umfassen, warum nicht drei wie im Concerto grosso des Barock, warum nicht fünf wie im symmetrischen Aufbau bei Gustav Mahler? Franz Schuberts angeblich „Unvollendete“ ist nach den neuesten Erkenntnissen der Schubert-Forschung nicht nur seine siebte Sinfonie, sie ist auch ein vollendetes musikalisches Gegenstück seiner knappen allegorischen, durch ein Vater-Sohn-Trauma geprägten Erzählung „Mein Traum“. Bestechend präzise arbeitete Baumann mit seinem Orchester die raffinierte Dynamik sich minuziös steigernder Crescendi im ersten Satz und die feinen Modulationen im zweiten und letzten Satz heraus. Der Streicherklang in der „schwarzen Tonart“ h-Moll klingt hier schon sphärisch entrückt wie am Ende des Abends im Fis-Dur-Adagio bei Mahler. Die Tutti-Schläge wirken bestürzend und die als neue Klangfarbe von Schubert komplett eingebauten drei Posaunen unterstreichen den Konflikt im Allegro und die verklärende himmlische Vision des Andante.

Tatsächlich ein Torso blieb der durch einen Musikwissenschaftler um zehn auf 18 Minuten aufgeplusterte erste Satz eines Violinkonzertes, an dem sich Ludwig van Beethoven 1790 im bevorzugten C-Dur versuchte. Hier verdeutlichte Baumann, wie Beethoven ungebärdig um seine Lösung aus der brüchig gewordenen Klangwelt Haydns und Mozarts rang. Solist Linus Roth traf auf seiner Stradivari vor allem in den Oktavsprüngen der Kadenz hinreißend das Ringen um eingängigen Romanzenton und furiosen Ausbruch.

Charles Ives’ Miniatur „The Unansweres Question“ stellte Baumann in der Zweitfassung aus den Dreißigern vor. Über einer schwebenden diatonischen Streicherfläche mit hauchzart herausgearbeiteten kleinen Motiven türmten sich als Zentrifugalkräfte eine verhalten geblasene kecke Trompete aus dem Rang und vier dissonante Flöten aus dem Bühnenhintergrund. Zum Höhepunkt aber geriet das grandios abgeklärt gespielte Adagio aus Gustav Mahlers auf fünf Sätze angelegter, aber nach dem 30. Takt des dritten Satzes abbrechender zehnter Sinfonie. Anders als etwa in der explosiven „Sechsten“ scheint diese Musik bei Baumann zu implodieren. Wer genau hinhört, vernimmt im ersten der drei Themen Anklänge an Wagners traurige Hirtenweise aus „Tristan und Isolde“. Wie Ives stößt Mahler in eine spirituelle Dimension vor. Banale Alltagsanklänge, wie beiden Komponisten sie liebten, sind berückenden Chorälen gewichen. Traumverlorenen Zauber und in Dissonanzen vorstoßende Auflösung zelebrierte Baumann mit seinen Philharmonikern bestechend klar.

 

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