Aufwühlende Klangekstasen Strauss’ musikalisch sensationelle „Salome“ am MiR unter Rasmus Baumann

Recklinghäuser Zeitung | Bernd Aulich

Wie orchestrale Hammerschläge exekutiert Chefdirigent Rasmus Baumann den dreifachen Quartsext-Akkord, mit deren Wucht am Musiktheater im Revier (MiR) Richard Strauss’ musikalisches Drama „Salome“ abrupt endet.

Von Bernd Aulich

So feinnervig und doch kraftvoll, so aufwühlend erlebt man diese Oper so gut wie nie. Mal wird sie zur Orient-Operette reduziert, mal zur klinischen Studie aufgeplustert. Kein Zweifel, die judäische Prinzessin Salome ist der Prototyp einer Hysterikerin. Mit pervertierter sexueller Obsession verlangt sie nach dem Kopf des eingekerkerten Propheten Jochanaan. Askese und hemmungslose Begierde treffen in überhitzter Sinnlichkeit hochexplosiv aufeinander. Das verlangt nach starken Bildern. Einen Regisseur, der das auf der Höhe der Musik erhellend einlöst, muss man erst mal finden. Das Musiktheater im Revier verzichtete von vornherein darauf.
Und so konzentriert sich alles auf die musikalische Vergegenwärtigung. Rasmus Baumann löst die wahnwitzige Herausforderung mit der prachtvoll musizierenden Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) nicht nur gewohnt souverän. Er liefert ein Meisterstück an Klangbrillanz in einer zwischen Tod und Verklärung oszillierenden Musik. Orchestral ist diese „Salome“ ein überwältigender großer Wurf aus einem Guss. Zart wie Elfenmusik, wie es sich Strauss wünschte, und raffiniert gewürzt in ihren schillernden Farbmischungen. Baumann schafft es, erregende Dynamik auch in den zurückgenommenen Passagen aufzubauen und das verästelte Motivgeflecht noch in entlegenen Finessen aufzulichten. Die flirrende Mondnacht als morbide Kulisse lädt er ebenso mit elektrisierender Spannung auf wie den Schleiertanz in wachsender Erregung und die bangen Minuten der Exekution bis zum tosenden Orchesterausbruch zu Salomes Schlussgesang.
Die einsame Höhe dieser spektakulären Orchesterleistung erreicht das Ensemble nicht. Majken Bjerno als Salome ist eher Heroine als monströse Kindfrau. Obwohl sie die mörderische Partie nicht klar fokussiert unter andauerndem Überdruck singt, verfügt sie auch Ende noch über unglaubliche Kraftreserven. Sicher noch in den exponierten Höhen des Jochanaan zeigt sich der samtene Heldenbariton des einzigen Gastes, des Amerikaners Mark Morouse. Wie ein Sänger angesichts hoher Anforderungen über sich selbst hinauszuwachsen vermag, beweist Lars-Oliver Rühls bravouröser, Salomes Verlockungen allzu früh erliegender Narraboth. Dosierte Komik bieten William Saetre als herrisch-geiler, geifernder Herodias in einer großen Charakterstudie und im Ehe-Gezeter mit Gudrun Pelker, die als Herodias Spitzentöne hintupft. Hier hallt noch der Krach im Hause Strauss aus der Sinfonia domestica nach. Köstlich auch das eifernde Juden-Quintett mit Hongjae Lim, E. Mark Murphy, Georg Hansen, Artavazd Zakaryan und Joachim G. Maaß. Das Premierenpublikum bejubelte die konzertante Aufführung mit kaum endendem Applaus.

@ www.musiktheater-im-revier.de
Info Weitere Aufführungen am 28. Mai, 3. und 14. Juni und 6. Juli. Karten Tel. 0309 / 40 97 200.

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