„B“ steht für die Besten

WAZ Recklinghausen | Ralph Wilms

Recklinghausen / Münster. Die Neue Philharmonie Westfalen begleitet am 2. Juni Anna Netrebko auf dem Schlossplatz in Münster

Von Ralph Wilms

Die Meldung, dass „sein“ Star die unmittelbar bevorstehenden Auftritte während der Pfingstfestspiele in Salzburg abgesagt hat, scheint Stephan Popp kaum zu beunruhigen: „Unsere Konzerte bleiben“, sagt der Intendant der Neuen Philharmonie Westfalen, „von allem anderen wäre ich sehr überrascht“. Am Samstag, 2. Juni, also begleitet die NPW auf dem Schlossplatz in Münster das „Gipfeltreffen der Stars“, so das Motto des Konzertereignisses mit der Sopranistin Anna Netrebko, ihrem Ehemann und Bariton Erwin Schrott und Tenor Jonas Kaufmann.
Für den Intendanten ist das baldige Wiedersehen mit dem 40-jährigen Weltstar willkommener Anlass für ein Resümee der beachtlichen Karriere seines Orchesters als gefragter Begleiter großer Stimmen: „Die Neue Philharmonie ist in hohem Maße Opern- und Konzert-erfahren“, so Stephan Popp. „Diese Flexibilität ist unser Pfund.“
Bereits im September 2005 begleitete das Landesorchester Anna Netrebko für Stadien-Auftritte in Mannheim und Hannover. Die damals gerade 34-Jährige stürmte mit Rolando Villazón die Gipfel der Prominenz – und rauschte im Depot an der Castroper Straße in einer schwarzen Limousine zu den Proben an. „Ohne Stargehabe“, betont Stephan Popp. „Sie integrierte sich wunderbar unter den Kollegen.“ Damals dirigierte Michael Güttner die NPW. „Erst vor den Medien tritt sie als Star auf.“
Dem Auftakt mit Aplomb folgte 2009 eine Tournee-Begleitung für Elina Garanca, die Generalmusikdirektor Heiko Mathias Förster dirigierte, 2011 eine Kurz-Tournee mit dem römischen Tenor Vittorio Grigolo. Der damals 33-Jährige, erzählt Stephan Popp, „kam erst am Konzerttag, wollte alle verzaubern – und gewann“.
Ähnlich knapp werden auch die drei großen Stimmen des Münsteraner „Gipfeltreffens“ mit der Neuen Philharmonie zusammen kommen. Mit straffen Klassik-Showbusiness wird eine Edita Gruberová zur großen Ausnahme: Die 65-Jährige probte im Depot drei Tage „bis in die Zehenspitzen“, sagt der NPW-Intendant voller Respekt.
Für die dreistündige Gala in Münster war zunächst ein Prager Orchester vorgesehen, ehe die auf Klassik-Events spezialisierte Agentur Apro „Just Classics“ recht kurzfristig die NPW verpflichtete. „Wir haben geschoben, verändert, umdisponiert.“ Stephan Popp lobt ausdrücklich die beständige Feinarbeit „seines“ künstlerischen Betriebsbüros: „Es muss zaubern.“
Schon die Noten-Logistik der insgesamt drei Auftritte in Münster, Mannheim und Wiesbaden sei beachtlich. Dennoch „erträgt“ die Neue Philharmonie gerne selbst hektische Tourneeleiter. „Wirtschaftlich sind es sehr lukrative Gelegenheiten.“ Das gebe nicht allein den Ausschlag, betont der Intendant. „Wichtig ist das Renommee.“ Offiziell gehören die 123 Musiker der Neuen Philharmonie einem „B“-Orchester an. „Doch der zweite Buchstabe ist für uns kein Makel mehr“, so Stephan Popp. Wer sich mit hoher Verlässlichkeit als gewandtes Tournee-Ensemble bewährte, der spielt inzwischen in einer anderen Liga.
Nur beim Stichwort „Open Air“ mag der eloquente Orchester-Intendant keine Begeisterung vortäuschen: „Wir schreien nicht Hurra!“ Allerdings sei auf Apro als Konzertveranstalter ebenso viel Verlass wie auf die Tonkunst der NPW: „Das ist generalstabsmäßig vorbereitet und versichert.“ Die Orchesterbühne ist sogar beheizbar. Für die Zuschauer auf dem weiten Schlossplatz gibt’s XL-Übertragungs-Leinwände. Ein kleines feines Opernglas könnte bei solchen Maßstäben nicht mehr genügen.

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