Befreit aufgespielt wie schon lange nicht mehr Unter Gastdirigent Brandon Keith Brown blüht die Neue Philharmonie Westfalen auf

Recklinghäuser Zeitung | Bernd Aulich

GELSENKIRCHEN. So befreit hat die Neue Philharmonie Westfalen (NPW) in einem Sinfoniekonzert schon lange nicht mehr gespielt. So erfrischend ausgelassen wie unter dem jungen amerikanischen Gastdirigenten Brandon Keith Brown.

Vor gut zwei Jahren hat der Zögling seines in Zürich wirkenden Landsmannes David Zinman und des noch berühmteren Lorin Maazel den dritten Preis des in Frankfurt ausgetragenen Solti-Dirigentenwettbewerbs errungen. Im sechsten Sinfoniekonzert der NPW offenbarte er im Großen Haus des Musiktheaters im Revier ein ausgeprägtes Gespür für akkurat ausgeleuchtete Details. Und das paart sich bei Brown auf das glücklichste mit beflügelnder Musizierlust. Der farbige Dirigent setzt sich erfrischend ungehemmt, ohne falsche Ehrfurcht, mit der großen europäischen Musiktradition auseinander.

Davon profitierten vor allem der Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel, dessen 300. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, und erst recht der von Brown unter begeistertem Beifall vom Sockel auf Augenhöhe geholte Titan Beethoven. Aber auch mit zwei Schumann-Raritäten bewies Brown seinen Ausnahmerang.

Carl Philipp Emanuel Bachs zweite Sinfonie in Es-Dur aus der Hamburger Werkgruppe (Wq 183) entstand zur selben Zeit wie die Dramen der Sturm-und-Drang-Bewegung in den Siebzigern des 18. Jahrhunderts. Mit herrlich pulsierendem Streicherklang und aparten, auf das Spätbarock zurückverweisenden Holzbläsermischungen unterstrichen die Philharmoniker den musikalischen Rang des begabtesten Bach-Sohnes. Die abrupten Stimmungswechsel, die Überraschungsmomente und die scharfen Kontraste kostete Brown mit Feinschliff aus.

Die Fülle an Störfaktoren und das Unberechenbare erwiesen sich als aufschlussreiche Parallele zu Beethovens achter Sinfonie am Ende des Abends. Spannungsträchtig, ohne es in den Fortissimo-Entladungen zu übertreiben, kostete Brown den ironischen Ingrimm aus, mit dem sich Beethoven brüsk gegen alle Hörgewohnheiten seiner Zeit wandte. Und er ließ Raum für sonst leichtfertig überspielte Details wie den kokett tänzelnden Bogen im kleinen Solo des Cellisten Bernhard Schwarz.

Mit seiner Vorliebe für klare Artikulation erwies sich der in Dorsten geborene, als Professor in Rostock wirkende 51-jährige Pianist Matthias Kirschnereit als idealer Partner. Im G-Dur-Konzertstück op. 92 kommt Schumanns Abneigung gegen eitle Virtuosenkunst seinem unprätentiösen Spiel entgegen. Der poetische Schwung bleibt wohldosiert, als fürchte der Pianist alles Verzärtelte. Auch in Schumanns Konzert-Allegro op. 134 meidet Kirschnereit ein geschmeidiges Legato, um sich umso mehr der motorischen Rasanz der Läufe, den Eskapaden der ausgedehnten Kadenz und einer beredten Phrasierung zu widmen. Als Zugabe spielte er als entrückte Träumerei das vorletzte Stück („Kind im Einschlummern“) aus Schumanns „Kinderszenen“.

Info Das Konzert wird am kommenden Sonntag, 19.30 Uhr, im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen wiederholt. Karten Tel. 01805-14 77 99 (ecotel, 14 Cent/Min. aus dem T-com-Festnetz).

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