Der Witz in Gelsenkirchens „Barbier“ hat einen Bart

WAZ | Elisabeth Höving

Gelsenkirchen. „Der Barbier von Sevilla“ gehört zu den populärsten komischen Opern der Welt. Am Musiktheater im Revier suchte die junge Regisseurin Michaela Dicu dem Klassiker ganz neue Töne abzugewinnen - nicht immer zum Wohl des Stückes.

von Elisabeth Höving

Dieser Schlager der italienischen Opernliteratur erfüllte die Erwartungen des Publikums an einen komischen Belcanto-Klassiker nicht. Umso erwartungsgemäßer fielen am Ende der Premiere von Gioacchino Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ die Reaktionen aus: Jubel und Bravos für ein ausgezeichnetes Gesangsensemble, allen voran eine glänzende Alfia Kamalova als Rosina, satte Buhs für das Regie-Team.
Regisseurin Michaela Dicu versucht sich mit dem leichtfüßigen Unterhaltungs-Paradestück rund um Liebesränkespiele und Intrigen in einer von Männern, Macht und Moneten dominierten Welt an einer tief gründelnden Interpretation, die nur in Ansätzen gelingt.

Leichtigkeit und Witz bleiben auf der Strecke
Auf der Suche nach Sinnhaftigkeit und Gesellschaftskritik gehen Leichtigkeit, Schwung und Witz der Komödie streckenweise merklich verloren, ein Manko, das die Neue Philharmonie Westfalen unter der inspirierten Leitung von Valtteri Rauhalammiaber wunderbar spritzig wieder ausgleicht. Nur anfangs spielt sie so forciert auf, dass sie die Sängerstimmen übertönt.
Die getragene Inszenierung hat aber auch ihre Meriten, wenn zum Beispiel zur Ouvertüre ein Film wie ein altes Familienvideo an glückliche Kinder- und Jugendtage von Rosina erinnert. Das Roadmovie(Andreas Etter) dokumentiert: Es hat auch gute, unbeschwerte Tage im Hause des Doktor Bartolo, wo Rosina als Waise aufwächst, gegeben.Zu Beginn des zweiten Akts wird sich der Doktor diesen Film im Hochzeitsaal noch einmal wehmütig anschauen. Witzig schräge Überraschung: Don Basilio (Dong-Wong Seo) als Countrybarde Roy Orbison.

In den verstaubten 60er Jahren
Der „Barbier“ schmiedet seine Intrigen in einer verstaubten 60er Jahre-Kulisse (Vera Koch). Eine hohe, hölzerne Scheunenfront schränkt die Spielfläche fürs Ensemble auf eine schmale Rampe arg ein. Der Raum öffnet sich erst nach der Pause und gibt den Blick frei auf den verrümpelten Saal einer Gaststätte, in der offensichtlich die Hochzeitsvorbereitungen begonnen haben.
Zwischen Bierbänken, Getränkekisten und Girlanden setzt vor allem eine hinreißende Alfia Kamalova dieser Produktion das Glanzlicht auf. Mit glasklarem Sopran meistert sie die Koloraturen, schraubt sich mühelos in herrliche Höhen und gibt die Rosina mit mädchenhafter Raffinesse. Hongjae Lim begeistert mit stilsicher geschmeidigem Tenor als smarter Graf Almaviva, Joachim Gabriel Maaß humorig als Doktor mit solidem Bass und Piotr Prochera singt den Figaro als vitalen, derben Gesellen im Holzfällerhemd.
Der Männerchor, eine gesangliche und darstellerische Klasse für sich in diesem musikalisch gelungenen Intrigantenstadl.

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