Die da oben, die da unten

WAZ Bottrop | Hans-Jörg Loskill

Die Neue Philharmonie Westfalen spielt die Originalmusik zu dem Stummfilmklassiker live in der Berufsschule. Das Publikum spendete starken Beifall.

Von Hans-Jörg Loskill

Kaum eine Produktion der Filmgeschichte hat so viele Diskussionen ausgelöst wie Fritz Langs Meisterwerk „Metropolis“, ein Stummfilm aus der Epoche des künstlerischen Expressionismus. Nach dem Flop der Uraufführung (1927) wurde er bearbeitet und verkürzt. Immer wieder bemühten sich Historiker, das Original herzustellen. Das gelang schließlich im Februar 2010. Seitdem wird „Metropolis“, die moderne Story von der Apokalypse mit biblischem Bezug zum Turmbau von Babel, an vielen Orten als Sensation gefeiert.

Der Bottroper Lichthof wurde jetzt umfunktioniert zum Lichtspieltheater, in dem das Lang-Opus aufgeführt wurde. Das Besondere und Spannende daran: Die Neue Philharmonie Westfalen spielte „live“ unter der Leitung des Filmmusik-Spezialisten Helmut Imig die über zweieinhalbstündige, bewegende, schaurig-schöne Originalkomposition von Gottfried Huppertz.

Das Experiment gelang

Dazu musste ein schräges Podium statt Bühne im Saal gebaut werden, um den Blick frei zu halten für die mittige Leinwand und um das große Orchester platzieren zu können. Das aufwändige Experiment klappte, der Lichthof war fast voll besetzt – das Auditorium erlebte ein kulturgeschichtliches Ereignis der großen Symbole, der großen Liebe, der großen Dramatik, des großen Licht-Schatten-Spiels und der großen Gesten.

Gigantomanische Stadt

Der dreiteilige „Metropolis“-Film nach dem Drehbuch von Thea von Harbou erzählt von der gigantomanischen Stadt, in der zwei Gesellschaften leben – die da oben, die dem Luxus und dem Vergnügen frönt; die da unten, die für die Reichen in der Tiefe schuften, die Maschinen kontrollieren, in Armut vegetieren.

Maschinenmenschen

Joh Fredersen, Sohn des Metropolis-Herrschers, verliebt sich in das Mädchen Maria, folgt ihr in die Unterstadt. Erlebt dort die Ungerechtigkeit und die Ausbeutung der Menschen, er begehrt auf, lernt die Maschinenmenschen in den Katakomben kennen. Maria soll liquidiert werden… Es kommt zum apokalyptischen Endkampf, Metropolis bricht zusammen, die Katastrophe verschlingt fast alle. Maria wird zusammen mit Joh zum Retter der Kinder und der Arbeiter. Der Diktator muss in seiner Läuterung erkennen: Nur Hirn und Hand und das Herz als Mittler können die Zukunft der Menschen garantieren.

Versklavte Menschheit

Marxismus, Kapitalismuskritik, Science Fiction, die Revolution der versklavten Menschheit, Wells berühmtes Buch „Die Zeitmaschine“, das Unbehagen an dem Moloch der Städte, die Utopie der friedlichen Koexistenz aller – das sind die Stichworte für Langs grandiosen Mythen-Film. Die Musik von Huppertz: sprechend, assoziativ, episch, aufwühlend, schwelgerisch, leidenschaftlich, lautmalerisch und poetisch. Imig garantiert ein Wechselbad der Gefühle. Der Zuschauer leidet mit den Protagonisten – die Musik erreicht in ihren besten Momenten psychologische und moralische Effekte. Die Neue Philharmonie zeigt sich der hohen Anforderung der gewaltigen Partitur – länger als jede Sinfonie – jederzeit gewachsen. Eine imponierende Leistung! Ohne diese musikalische Flankierung und Deutung wäre der Filmklassiker heute vermutlich kaum lebensfähig. Das Publikum spendete starken Beifall für alle, für die Techniker, für Imig, für die Philharmoniker. Und für Fritz Lang, den verstorbenen Leinwand-Pionier.

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