Die Geschichte vom Soldaten, Orpheus Ballett-Doppelabend von Jiri Bubenicek und Cathy Marston Musik von Igor Strawinsky

Online Musik Magazin | Thomas Molke

Die Geschichte vom Soldaten gelesen, gespielt und getanzt in zwei Teilen Libretto von Charles Ferdinand Ramuz, deutsche Übersetzung von Hans Reinhart Orpheus Aufführungsdauer: ca. 2 h 10 (eine Pause) Premiere im Großen Haus des Musiktheaters im Revier am 23. Juni 2013

Zweimal Strawinsky

Von Thomas Molke

Nach dem gefeierten Einstand der neuen Ballettdirektorin Bridget Breiner mit dem Ballettabend Der erste Gang, bei dem sich das Ensemble in kleinen teils eigens für sie entworfenen Choreographien vorstellen konnte (siehe auch unsere Rezension), und dem Handlungsballett Ruß im Kleinen Haus (siehe auch unsere Rezension) folgt nun zum Ende der Spielzeit ein Ballett-Doppelabend im Großen Haus, bei dem auch die Neue Philharmonie Westfalen beteiligt ist. Präsentiert werden zwei Werke von Igor Strawinsky, zwischen deren Entstehung 30 Jahre liegen und in denen die musikalische Entwicklung des Komponisten von der perkussiven Musiksprache, mit der er die Musikwelt in Aufruhr versetzte, hin zu mehr klassischen Kompositionsmustern, die er mit seiner eigenen zeitgenössischen Handschrift versah, deutlich wird. Haben die beiden Stücke auch auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam, so geht es doch sowohl in der Geschichte vom Soldaten als auch in Orpheus um die Suche nach dem Glück und dem Scheitern an der eigenen menschlichen Schwäche. Der Soldat verkauft für den Reichtum seine Seele und verliert dadurch sein Glück. Orpheus vertraut nur auf das, was er mit seinen eigenen Augen sehen kann, und vermag es daher nicht, seine geliebte Eurydike aus der Unterwelt zurückzuholen. Für die beiden Stücke konnten hochkarätige Gastchoreographen gewonnen werden, die dem Ensemble die Möglichkeit bieten, auch andere künstlerische Handschriften kennen zu lernen.

Den Anfang macht Die Geschichte vom Soldaten, ein Musiktheaterwerk für eine Wanderbühne, das Strawinsky in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Dichter Charles Ferdinand Ramuz für einen Vorleser, zwei Schauspieler, eine Tänzerin und sieben Musiker konzipierte. Jiri Bubenicek behält in seiner Choreographie nur den Vorleser als Erzähler und natürlich das Orchester bei. Die Handlung basiert auf einem alten russischen Märchen. Ein Soldat begegnet auf seinem Heimaturlaub dem Teufel, der dem Soldaten seinen kostbarsten Besitz, eine kleine zerkratzte Geige, abkaufen will. Im Gegenzug bietet er ihm ein Buch, das unendlichen Reichtum verspricht. Der Soldat folgt dem Soldaten in die Hölle, um ihm das Geigenspiel beizubringen. Als er drei Jahre später nach Hause kommt, erkennt ihn niemand mehr und er begibt sich erneut auf Wanderschaft. In einem fernen Land trifft er auf einen König, dessen Tochter der Schwermut verfallen ist. Der Soldat gewinnt durch eine List seine Geige zurück und schafft es, der Prinzessin mit seinem Spiel neue Lebensfreude zu geben. Die beiden werden ein Paar. Doch der Soldat hat die Rechnung ohne den Teufel gemacht, der eine glückliche Zukunft der beiden zu verhindern weiß.

Schon vor Beginn des eigentlichen Stückes sieht man die Umrisse eines kleinen Theaters vor dem Vorhang, was wohl als Anspielung auf ein Jahrmarkttheater gedacht ist. In der Mitte hängt eine Geige, die das zentrale Element der Geschichte darstellt und musikalisch weniger als Melodie-Instrument als vielmehr in rhythmischer Funktion verwendet wird. Das Ensemble stellt nun tänzerisch zu den Worten des Erzählers (Sebastian Schwab) und den Klängen der Neuen Philharmonie Westfalen die Geschichte tänzerisch dar. Otto Bubenicek, der Zwillingsbruder des Choreographen, hat dazu ein flexibles Bühnenbild entworfen, das den Soldaten zunächst auf Wanderschaft zwischen Tälern und Auen, die in naiver Malerei auf beweglichen Bühnenelementen zu sehen sind, zeigt. Die Welt des Teufels besteht aus einer gelben Pyramide mit quadratischer Grundfläche, die in der Mitte geteilt ist und in der Spitze ein alles beobachtendes Auge zeigt. Hier herrscht der Teufel, und von hier aus lenkt er auch am Ende den Soldaten, wenn dieser am Ende die Prinzessin bei der Rückkehr in sein Heimatdorf verloren hat. Der Königshof erinnert mit seinen schwarz-weißen Wänden an ein Schachbrett, das sich zu Beginn auch auf dem Kostüm der Prinzessin wiederfindet. Sie bildet gewissermaßen mit dem Palast eine Einheit, bis der Soldat sie mit seinem Spiel aus ihrer Lethargie befreit.

Junior Demitre gestaltet den Soldaten zu Beginn mit überbordender Leichtigkeit und Unbesonnenheit, die deutlich macht, wieso er überhaupt den Verlockungen des Teufels erliegen kann. Im Verlauf des Stückes gewinnt er durch expressiven Tanz an enormer Tragik, die ihren Gipfel erreicht, wenn er am Ende nur noch als Marionette des Teufels agiert. Joseph Bunn verleiht dem Teufel mephistophelische Züge, was zum einen in seinen spinnenartigen Bewegungen zum Ausdruck kommt, zum anderen auch durch seine weiße Maske am Ende und die roten Strapsen unterstützt wird. Auch die Komik kommt in seinem Spiel nicht zu kurz, wenn er dem Soldaten beispielsweise in der Gestalt einer alten Frau erscheint, zwischen deren Beinen die Geige wie ein gewaltiger Phallus baumelt. Alina Köppen überzeugt mit grazilem Tanz als Prinzessin ebenso wie die übrigen Ensemble-Mitglieder als königliche Entourage und Dorfbewohner. So gibt es bereits zur Pause begeisterten und lang anhaltenden Applaus für alle Beteiligten.

Das zweite Stück Orpheus präsentiert sich in der Choreographie von Cathy Marston wesentlich düsterer als der erste Teil, was auch durch die ätherische Musik unterstützt wird. Ines Alda hat dafür ein kühles Bühnenbild entworfen, was aus kahlen asymmetrischen Gerüsten besteht, die teilweise auf dem Boden verankert sind, teilweise in der Luft hängen. Im Hintergrund rechts bewegt sich ein Rotor, der das kalte Licht, das auf die Bühne fällt, flackern lässt. So wirkt die Bühne wie ein Raum, der von einer kriegerischen Auseinandersetzung zerstört worden ist. In diesem kalten Ambiente befindet sich Eurydikes leblose Hülle (Kusha Alexi). Orpheus (Sergio Torrado) klammert sich verzweifelt an seine Geliebte, ohne dabei ihre Seele (Bridget Breiner) zur Kenntnis zu nehmen, die sich von Eurydikes Körper gelöst hat. So verhindert Orpheus zwar zunächst, dass ein Todesengel (Ordep Rodriguez Chacon) und vier Soldaten (Maiko Arai, Fabio Boccalatte, Aidan Gibson und Shaina Leibson) sich der Toten bemächtigen, nimmt allerdings die Seele der Toten, die ihn zu rufen scheint, nicht zur Kenntnis. Erst ziemlich zum Ende kommt es zu einem nahezu anmutigen Pas de deux zwischen Orpheus und Eurydikes Seele. Doch als dann die vier Soldaten unter Leitung des Todesengels zurückkehren und Eurydikes Körper mit sich nehmen, folgt Orpheus ihnen und Eurydikes Seele bleibt wie ein gefangener Vogel auf der nun leeren Bühne zurück.

Das Ensemble setzt auch den zweiten Teil tänzerisch bewegend um. Sergio Torrado stellt Orpheus verzweifelten Kampf um seine Geliebte beeindruckend dar. Ordep Rodriguez Chacon wirkt als Todesengel regelrecht bedrohlich. Ballettdirektorin Bridget Breiner stellt unter Beweis, dass sie auch als Ballettdirektorin ihre Karriere als Tänzerin noch nicht beendet hat. Durch grazilen Spitzentanz und nahezu schwebende Bewegungen wirkt sie als Eurydikes Seele nahezu schwerelos und begeistert im Zusammenspiel mit Torrado, um dessen Aufmerksamkeit sie verzweifelt kämpft. Beeindruckend ist auch, wie sie selbst gewissermaßen versucht, in Euryikes Körper zurückzugelangen. Diese bewegende Szenerie wird von der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Rasmus Baumann in präzisem Spiel untermalt, wobei Baumann die Vielschichtigkeit von Strawinskys Musik in allen Schattierungen detailliert herausarbeitet. So gibt es auch für den zweiten Teil des Abends großen Applaus für alle Beteiligten.

FAZIT
Diese letzte Ballettpremiere der Spielzeit macht Lust auf mehr Tanztheater in Gelsenkirchen in der kommenden Spielzeit.

Produktionsteam
Musikalische Leitung: Rasmus Baumann
Licht: Patrick Fuchs
Dramaturgie: Anna Grundmeier

Neue Philharmonie Westfalen


Die Geschichte vom Soldaten

Choreographie: Jiri Bubenicek
Inszenierung: Jiri und Otto Bubenicek
Bühne und Malereien: Otto Bubenicek
Kostüme: Elsa Pavanel

Tänzerin und Tänzer
Soldat: Junior Demitre
Teufel: Joseph Bunn
Erzähler: Sebastian Schwab
Prinzessin: Alina Köppen
König: Fabio Boccalatte
Königin: Aidan Gibson
Hofdamen: Maiko Arai
Aidan Gibson: Bojana Nenadovic
Kammerdiener: Hugo Mercier, Ordep Rodriguez Chacon
Dorfbewohner: Maiko Arai, Aidan Gibson, Shaina Leibson


Orpheus

Choreographie: Cathy Marston
Bühne und Kostüme: Ines Alda

Tänzerinnen und Tänzer
Oprheus
Sergio Torrado
Eurydike (Körper)
Kusha Alexi
Eurydike (Seele)
Bridget Breiner
Todesengel
Ordep Rodriguez Chacon
Soldaten: Aidan Gibson, Maiko Arai, Shaina Leibson, Fabio Boccalatte

Weitere Informationen erhalten Sie vom Musiktheater im Revier (Homepage)

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