Ein Feinschmied fürs Orchester

Recklinghäuser Zeitung / Bernd Aulich

Davon profitierte das Programm, mit dem er sich im Musiktheater im Revier und gestern Abend im Ruhrfestspielhaus als Gast der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) im siebten Sinfoniekonzert vorstellte. Es war ein Programm ohne Glamour-Effekt bei Beethoven und Sibelius. Ein Programm, in dem selbst erfahrene Dirigenten nicht ohne weiteres glänzen können. Christ feierte dennoch einen Triumph.

Bei Christoph Eschenbach erhielt er den letzten Schliff, bevor ihn seine Karriere über Würzburg und Wuppertal nach Cottbus führte. Dort wurde er 2008 einer der jüngsten Generalmusikdirektor an einem deutschen Haus. Am Pult der Philharmoniker wirkt Evan Christ wie ein Feinschmied, der penibel darauf achtet, das im großen Orchester-Räderwerk eins exakt ins andere greift. Und davon profitierten vor allem die brillanten Holzbläser.

Hektisch aufgekratzt steigt Christ in die sechsteilige Suite zur Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ ein. Darunter leidet der melancholische Zug dieser Musik. Unter der Leitung von Christs Landsmann Dennis Russell Davies hat die NPW diese Suite im letzten Jahr zur Eröffnung des Klavierfestivals Ruhr um einiges dramatischer und sarkastischer gespielt. Das Bizarre präpariert freilich auch Christ heraus. Und wunderbar glückt ihm die sachte schwebende Vision im zarten Traumgespinst des fünften Teils.

Anders als die fünf Klavierkonzerte und das Violinkonzert zählt Beethovens Tripelkonzert nicht gerade zu den Publikumsrennern. Das mag an seiner Zwitterstellung liegen. Aber wenn sich der Esprit der Sinfonia concertante im Geiste Mozarts mit solch sprühender Musizierlust paart wie bei Christ und dem fabelhaften jungen französischen Trio Karénine verliert selbst die Fülle thematischer Wiederholungen alles Langweilige. Im ARD-Wettbewerb errang dieses Trio im vergangenen Jahr den Sonderpreis der Neuen Philharmonie Westfalen. Anna Göckels jubilierend sauberer Violin-Ton, Louis Roddes durchpulster Cello-Strich und die vor allem im Largo von Paloma Kouider klar gemeißelten Klaviergirlanden vereinten sich mit dem innerlich vibrierenden Orchester zu einem Hochgenuss.

Zu seinem 150. Geburtstag taucht der Finne Jean Sibelius verstärkt in den Konzertprogrammen auf. Angloamerikanische Dirigenten haben seine Orchesterwerke schon immer geschätzt – ungeachtet des Verdikts des Musikphilosophen Theodor W. Adorno, der sie als trivial und unzeitgemäß befand. In der dreisätzigen dritten Sinfonie entdeckt Evan Christ rhapsodischen Reiz, nicht schwerblütiges Geraune. Aber er mag sich noch so unverdrossen an Sibelius abarbeiten – die schlicht gestrickte Machart des Orchestersatzes, dessen schleppende Gangart und die Trivialität der Schluss-Apotheose kann auch dieser Feinmechaniker nicht kaschieren.

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