Eine Dame verschwindet „La Grande Magia“ am MiR

Recklinghäuser Zeitung | Bernd Aulich

Gelsenkirchen. Mancher Ehemann, der mit der Realität weiblichen Selbstbewusstseins nicht zu Rande kommt, mag sich das wünschen: die eigene Frau verstummt als perfekte Illusion stets um sich zu haben, hineingezaubert in eine Schatulle, die man tunlichst nicht öffnet, um den Zauber nicht zu brechen.

Von Bernd Aulich

Calogero heißt dieser Mann, von dem man bis zum Schluss nicht weiß, ob er das gespenstische Spiel mitspielt oder unter Realitätsverlust leidet. Seine Frau Marta, die sich nicht ins triste Los der braven bürgerlichen Gattin schickt, entstammt als Sängerin der Bühnenwelt der Illusionen. In Manfred Trojahns Oper „La Grande Magia“ nach einer italienischen Gesellschaftskomödie von Eduardo de Filippo wollen alle hoch hinaus, vor allem die Frauen. Sirrende Flageolett-Töne stimmt die Neue Philharmonie an, und die famose Koloratursopranistin Alexandra Lubchansky schwingt sich als geisteskrankes Mädchen Amelia bis ins dreigestrichene D empor. Nicht minder bravourös behaupten sich in der hohen Lage Alfia Kamalova als Marta und Sylvia Koke als Schwägerin Rosa.
Um Familienbande dreht sich Trojahns Oper. Aber auch um Realität und Schein, um Weltflucht bis ins Irresein und die Konfrontation mit einer ernüchternden Realität, um Träume und bitteres Erwachen, um Wunschdenken und fehlgeleitete Wahrnehmung. Ein komplexes Werk also, durchtränkt vom Zauber der Poesie und der Magie einer Musik, die seelische Abgründe nicht ausspart. Das Musiktheater im Revier (MiR) tat gut daran, dieses zeitgenössische Werk vier Jahre nach der Uraufführung an der Dresdner Semperoper auf den Prüfstand zu stellen. Großer Beifall eines begeisterten Publikums belohnte das Wagnis. In Gabriele Rechs faszinierend dichter Inszenierung erweist sich die vierte Oper des traditionsbewussten Düsseldorfer Komponisten als Traumspiel mit Sogkraft. Ein Schuss Fellini im Auftritt dreier musizierender Komödianten, leibhaftiger Musiker der Neuen Philharmonie, und ein Schuss Hitchcock in gespenstischer Bühnentrance – das sind die Zutaten.
Bravourös verkörpert Urban Malmberg, der diese Partie schon in der Uraufführung sang, den Zauberer, der Marta für ein sieben Jahre währendes Techtelmechtel verschwinden lässt. Als sie zurückkehrt, ist sie Ehemann Calogero (Daniel Magdal), der vorgibt, sie nicht mehr zu erkennen, fremd geworden. Wenn die junge Amelia umnachtet stirbt und sich der Rest der Familie um die vornehme Witwe Matilde (Christa Platzer) a cappella im vorletzten Bild in irre manischem Wiederholungszwang ergeht, als ob die Zeit still stünde, tritt Zauberer Otto nicht mehr als Magier sondern als Psychiater auf. Kurieren kann er den Patienten Familie nicht. Dieter Richters variantenreiches morbides Bühnenbild, mal Hotelterrasse, mal Anstalt, verströmt wie Renée Listerdals Kostüme reichlich Italianità. Das zwölfköpfige Ensemble wächst beeindruckend über sich hinaus.
Ein Ereignis ist Trojahns oszillierende Musik, die Lutz Rademacher feinnervig einstudiert hat. In finessenreichen Farbmischungen hebt ein blendendes Gleißen und das Funkeln eines von Meisterhand geschliffenen musikalischen Diamanten an. Die entrückte Szene findet ihr Gegenstück dank der überragenden Neuen Philharmonie in einem vibrierenden Feingespinst zartester Klangraffinesse. Die Gelsenkirchener Produktion zählt zum Besten, was die Ruhrregion zu bieten hat.

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