Eine romantische Sommerfrische

 

von Sebastian Smulka, Hellweger Anzeiger Unna

Erst Mozart, dann Beethoven, nun Brahms: Unter Rasmus Baumann verfolgt die Neue Philharmonie Westfalen bei ihren Freiluftkonzerten ein klares Bildungskonzept. Diesmal war es eine Lektion für Fortgeschrittene.

Das jährliche Klassik-Open-Air auf dem Alten Markt soll auch ein Publikum ansprechen, das zumindest nicht regelmäßig in den Konzerthäusern zu Gast ist. Ein professionelles Orchester ohne Eintrittsgeld zu erleben, ist ein Angebot, bei dem der Besucher kein Risiko eingeht. Doch allein die Ausstattung aus Campingstühlen und -tischen, mit der einige Besucher der Knappheit an Sitzplätzen entgingen, ließ Dirigent Rasmus Baumann völlig richtig annehmen, dass viele Zuhörer zumindest bei den Freiluftkonzerten auf dem Markt schon zu den Stammgästen zählen. Es war bereits das 18. Konzert dieser Art – vor einem Publikum, dass nicht ganz „am Anfang“ abgeholt werden musste.

Und so ging die Vorstellung des Komponisten Johannes Brahms schon etwas weiter ins Spezielle. „Brahms in Dur“ war das Programm überschrieben. Wer diesen Akzent setzt, trägt dem Stellenwert Rechnung, den Brahms „Deutsches Requiem“ in seinem Werk hat. Die Neue Philharmonie spielt es am 13. November in Kamen. Am Sonntag dagegen gab es den Kontrast dazu: Brahms helle, mitunter sogar heitere Seite.

Dabei mussten Generalmusikdirektor Rasmus Baumann und sein Orchester nicht etwa die Exoten aus dem Werk des Romantikers heraussuchen. Schwungvoll eröffnen sie das Konzert mit der „Akademischen Festouvertüre“, die Brahms für die Verleihung seiner Ehrendoktorwürde in Breslau geschrieben hat. In ihr griff er bekannte Studentenlieder auf.

Das erste große Werk des Abends ist Brahms Violinkonzert: Es ist das einzige dieser Gattung, das er je schrieb, zugleich eines der wichtigsten. Violinisten können damit beim Vorspielen um ein Engagement sicher Punkten – oder alles „vergeigen“. Brahms, der selbst begnadeter Pianist war und sich erst spät an die Mittel der Sinfonik herangearbeitet hat, solle dieses Werk eher gegen als für die Violine geschrieben haben, merkte ein Zeitgenosse an. Zwei Saiten gleichzeitig sauber zum Klingen zu bringen, geht auf dem Klavier leichter als auf der Geige. Es braucht einen echten Virtuosen, um dieses Stück aufzuführen. Die Neue Philharmonie holte sich dafür einen externen Solisten: Linus Roth begeisterte in diesem Stück – ebenso wie in einer außerplanmäßigen Zugabe, die nicht von Brahms stammte, sondern vom Belgier Eugène Ysaÿe.

Auch das zweite große Werk des Abends gehört zu den häufiger gespielten: Brahms 2. Sinfonie, die nun ohne Solisten als starke Mannschaftsleistung der Neuen Philharmonie erklang. Rasmus Baumann studiert solche Partituren unter Verzicht auf allzu große Gesten ein. Wenn er eine sinfonische Aufführung prägt, dann tut er es damit, dass er sich eng an den Aufführungshinweisen des Originaltextes orientiert. In diesem Fall etwa nahm er die Tempohinweise deutlich ernster als manch ein anderer Dirigent dieser Tage, was die durchaus vorhandene Dramaturgie der Sinfonie sinnvoll betonte.

Schwieriger als in anderen Jahren war die Akustik auf dem Alten Markt: Zwar blieb den Konzertbesuchern das Gewitter erspart, das am frühen Nachmittag aus der Ferne angeklopft hatte, doch durchweg ging ein frischer Wind auf dem Alten Markt. Die Tontechniker mussten die Lautstärke hochregeln, übertrugen damit aber auch den Windzug an den Mikrofonen als hörbares Grundrauschen. Manch eine Nuance, die direkt vor der Bühne gut hörbar war, ging im Schallbereich der Boxen etwas unter.

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