Freude und Pathos

WAZ Recklinghausen | Ralph Wilms

Recklinghausen. Im ausverkauften Ruhrfestspielhaus zelebrierten Chöre und Neue Philharmonie erneut Beethovens „9.“.

Von Ralph Wilms

Der Generalmusikdirektor hatte nicht zu viel versprochen: Noch klangschöner als während der letzten Ruhrfestspiele könne die Neue Philharmonie Westfalen – quasi als zweites Neujahrskonzert – Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie darbieten, sagte Heiko Mathias Förster, als er Anfang November diese besondere Aufführung zugunsten der Gemeinschaftsstiftung NPW ankündigte.
Im ausverkauften Ruhrfestspielhaus war die Bühne jetzt uneingeschränkt nutzbar. Im Klangbild kam dies vor allem den wuchtig auftrumpfenden vier Chören zugute: dem Chor des Musiktheaters im Revier, des Kölner Gürzenich, dem Städtischen Chor Recklinghausen und dem Städtischen Musikverein Gelsenkirchen.

Hingabe an die Klanggewalt
Doch vor dem grandiosen Schluss-Satz, mit dem Beethoven die überlieferte Sonatenform der Sinfonie aufbrach zugunsten der großen Tondichtung, breitete das Orchester jene drei instrumentalen Sätze aus, die ebenfalls weidlich am Gefüge der Klassik rüttelten. Wie einst im Mai 2011 dirigierte H. M. Förster mit Hingabe an die Opulenz und Klanggewalt der Komposition. Streicher und Holzbläser könnten sich kaum schöner und transparenter darbieten.
Dieser Eröffnungssatz, mehr als nur „un poco maestoso“, bot einen Spannungsaufbau bis fast zum Zerreißen. Der Generalmusikdirektor zelebrierte die Dramatik mit Gusto und Gesten, die von allen Fraktionen des Orchesters delikate Nuancen forderten. So wurden auch die Paukenschläge des Presto-Satzes Teil der großen Melodiebögen Beethovens. Und selbst im Sturmgebraus der jagenden Hörner bewies der Klangkörper hinreißende Spielkultur. Das düstere Eröffnungsthema wendete sich gar ins Bukolische. Wer danach nur noch auf den Einsatz der Stimmen wartete, dem entging das sehnsuchtsvolle Schwelgen des „cantabile“ zu spielenden Adagio-Satzes.

Überzeugendes Solo
Der Auftakt des Final-Satzes schließlich gehörte den dunkel-verhangenen Celli, ehe aus dieser Hochspannung heraus – endlich – die Bläser zum „Freude“-Thema vordrangen. „O Freunde, nicht diese Töne“: sehr beweglich eröffnete Bass Dong-Won Seo Schillers (von Beethoven maßgeblich geänderte) Ode. Es blieb die überzeugendste Solo-Darbietung des Abends. Zu gehetzt klangen die vierstimmigen Einsätze der Solisten. Der vereinte Großchor allerdings zeigte sich machtvoll und doch ausgewogen. Das Pathos ist ganz Schillers – und Beethovens.
Nur die dynamische Feinzeichnung litt ein wenig unter soviel stürmischem Elan. Stürmisch brauste auch der insgesamt hochverdiente Applaus. Mit Extra-Ovationen bedachten das Publikum die Leistung der Chöre – und Christian Jeub, der die Chorproben leitete. Auch mit seiner zweiten „Vorhersage“ vom November könnte Heiko Mathias Förster wohl recht haben: Selbst wenn die Neue Philharmonie halbjährlich Beethovens „9.“ aufführte – sie würde ein begeistertes Publikum finden.

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