Im Weihnachtskonzert begeistert die Neue Philharmonie ein festlich gestimmtes Publikum

von Bernd Aulich, Recklinghäuser Zeitung

 

Wenn es sein muss, verlässt Generalmusikdirektor Rasmus Baumann schon mal das Dirigentenpult, um sich ans Klavier zu setzen. Das Klavierspiel zählt schließlich zur klassischen Kapellmeister-Ausbildung.

In seinem ersten Weihnachtskonzert mit der Neuen Philharmonie Westfalen vor einem Jahr meisterte er den Solistenpart im Andante von Mozarts erstem C-Dur-Klavierkonzert so beseelt wie elegant. In seinem zweiten Weihnachtskonzert setzte er sich gleich drei Mal an die Tasten. Und damit unterstrich er, wie flexibel er seine Rolle als Musikvermittler auffasst.

Den populären Chopin-Walzer op. 64 Nr. 2 meisterte er mit gebotenem Rubato und dem anschwellenden Stau musikalischer Energien, die zu den Finessen dieser Musik zählt. Mit einem Ausschnitt aus Karel Svobodas Vertonung des 1973 von Václav Vorlícek gedrehten hinreißenden tschechischen Märchenfilms „Drei Haselnüsse für Aschenputtel“ offenbart Baumann mit Trillern ohne Ende sein besonderes Faible für Filmmusik. Und sein Klavierpart in dem Hit „Deep within my soul“ der gerade mal 23-jährigen Kalifornierin Anabel Englund unterstreicht, dass dieser Dirigent mit Musicals nicht fremdelt.

Das entsprach dem Konzept des 16. Weihnachtskonzertes, mit dem die Freunde und Förderer der Neuen Philharmonie im ersten Durchgang im Musiktheater im Revier, dann in Marl, in Unna und zuletzt in Recklinghausen die Häuser füllen und ein erwartungsfrohes Publikum in festliche Stimmung versetzen. Auch wenn der Aufwand nicht gar so üppig ausfiel, so mundete das Musik-Büfett mit einer Fülle an Häppchen unterschiedlichster Provenienz auch diesmal einem breiten Publikum. Vortrefflich gelang diesmal der Video-Blick auf die Instrumentengruppen, die gerade spielten.

Aufgetischt hat die Auswahl der Recklinghäuser Anwalt Dr. Hans-Joachim Gigerl in Abstimmung mit dem Orchester. Hornist Ralph Breitenbach erwies sich als vortrefflicher Arrangeur. Zweifach spielte das Orchester sein „Kerngeschäft“ aus, wie es Hornist Roland Vesper als schalkhafter Moderator nannte. Im ersten Satz von Beethovens fünfter Sinfonie mit einem der kürzesten Crescendi durchleuchtete es Ausdrucksnuancen, statt die Titanen-Pranke emporzurecken. Und in Tschaikowskys Capriccio italien, dem längsten Beitrag, gelang der Wechsel vom Schwerblütigen ins Aufgekratzte bravourös.

Als witzigstes Stück erwies sich Leroy Andersons „Type Writer“ mit Schlagzeuger Tprsten Müller als slapstick-reifem Solisten an einer Confidential-Schreibmaschine. Der Schweizer Hornist Markus Schleich aus den eigenen Reihen, der vorzügliche finnische Akkordeonist Petteri Waris, der brasilianische Tenor Gustavo Quaresma Ramos, die Dortmunder Weltmusik-Sängerin Elke Nappers, das Duo Aciano mit Geigerin Freya Deiting und der temperamentvollen Gitarristin Sandra Wilhelms und Starlight-Express-Sängerin Carla Pullen setzten breit gefächerte Akzente. Zum Nachdenken regten die von Michael van Ahlen vorgetragenen beiden amüsanten Weihnachtsgeschichten an, Astrid Lindgrens „Die Kinder aus der Krachmacherstraße“ und „Weihnachten damals und heute“ des Freiburger Kabarettisten Jess Jochimsen.

Zurück