Immer noch für Überraschungen gut GMD Förster würzt das NPW-Neujahrskonzert mit Ausgrabungen der Strauß-Dynastie

Recklinghäuser Zeitung | Bernd Aulich

GELSENKIRCHEN. Den Beginn eines neuen Zeitabschnitts mit althergebrachten Ritualen zu feiern, zählt zu den paradoxen Gepflogenheiten des Jahreswechsels. Im konservativen Wien wäre ein Neujahrskonzert ohne den walzerseligen Esprit der Strauß-Dynastie kaum denkbar.

In den konservativen Konzertprogrammen der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) unter Generalmusikdirektor Heiko Mathias Förster markieren ihre Walzer, Polkas, Quadrillen und spritzige Operetten-Häppchen ein ums andere Mal einen Höhepunkt gleich zu Jahresbeginn. In Wien beschwört diese Unterhaltungsmusik bester Qualität den vorgeblichen Glanz einer untergegangenen Epoche. Auch in den NPW-Neujahrskonzerten hat diese  Programmfixierung etwas Verklärendes. Das erklärt ihren anhaltenden Erfolg bei einem überwiegend betagten Publikum.

Komponisten wie Mahler, Ravel oder Alban Berg haben den Walzer als Untergangschiffre verstanden. In seinem jüngsten und letzten Neujahrskonzert im ersten Durchgang im Großen Haus des prall gefüllten Großen Hauses des Musiktheaters im Revier setzte der im Sommer scheidende „General“ Förster freilich weniger auf das spritzige, moussierende Champagnerprickeln als auf das Kolorit des Wienerischen. Und das gewann schönste Gestalt in den beiden Zithersoli des Walzers „Geschichten aus dem Wiener Wald“ aus der Feder des Walzerkönigs Johann Strauß. Das Orchester verstummte, das zweite Mal recht abrupt, um den unsentimental gespielten zarten Zither-Klängen des Solisten Wolfgang Hubert den Vorrang zu geben und sich anschließend einzuschwingen in ihre Wiener Vorstadt-Melodien.

Die größte Überraschung der Neujahrskonzerte sind immer noch die Ausgrabungen inmitten all des Wohlvertrauten, mit denen Förster vor allem bei Eduard Strauß, dem kaiserlich-königlichen Hofballmusikdirektor, fündig wird. Das insgeheim Schwerblütige, das sich bei Eduard Strauß unter der glanzvollen Oberflächen-Politur der Polkas „Weit weg“ und „Still und bewegt“ oder des Walzers „Fusionen“ und hinter der Fassade rasanter Rhythmen der Schnellpolka „Luftig und duftig“ verbirgt, fügte sich vortrefflich in die leicht wehmütige Stimmung des Programms ein.

Mit dem „Krönungswalzer“ des Eduard-Sohnes Johann, der pfiffigen „Harlekin“-Polka von Eduards Bruder Josef und dem „Seufzer-Galopp“ des Dynastie-Begründers Vater Johann mit seinen quirligen Crescendi versammelte Förster die Wiener Walzer-Sippschaft komplett. Nicht verhehlen lässt sich an einem solchen Abend, dass die Krone des erfindungsreichen Genie dem Walzerkönig Johann Strauß gebührt. Der läuft erst recht zur Hochform auf, wenn sich in seiner Künstler-Quadrille wie in einer modernen Collage der Hochzeitsmarsch aus Mendelssohns „Sommernachtstraum“ mit Opernmelodien von Verdi und Mozart überlagert. Oder wenn er als Walzerkönig eine Ouvertüre ohne Walzer aber mit flotten Polka-Rhythmen komponiert wie für die kaum bekannte Operette „Indigo und die 40 Räuber“. Zum Höhepunkt geriet Förster das Finale mit „Fledermaus“-Eleganz, zwei Zugaben Johanns, darunter der Walzer „Wiener Blut“ und Vater Johanns Radetzky-Marsch als üblichem Rausschmeißer. Dazu erhob sich das Publikum auch diesmal, um begeistert zu applaudieren.

@ www.neue-philharmonie-westfalen.de

Info Wiederholt wird das Neujahrskonzert am 5. Januar im Bürgerhaus Recklinghausen-Süd und am 12. Januar im Glashaus Herten. Karten-Hotline 01805-14 77 99 (ecotel, 14 Cent/Min. aus dem T-com-Festnetz).

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