„Jenufa“ im Würgegriff der Moral Packende Tragödie: Janáčeks Meisterwerk am Musiktheater Gelsenkirchen

WAZ | Elisabeth Höving

Die Katastrophe bricht sich mit Klanggewalt die Bahn. Die Oper „Jenufa“ von Leos Janáček aus dem Jahre 1904 erzählt von der starren Moral einer provinziellen Gesellschaft, in der religiöse Tugenden und Reputation mehr wert sind als ein Menschenleben. Das bis heute erschütternde Sozialdrama um eine Kindsmörderin feierte in einer musikalisch hochkarätigen und konsequenten Inszenierung von Intendant Michael Schulz am Musiktheater im Revier Premiere.

Das Publikum reagierte mit Bravos auf einen packenden Parforceritt durch tiefste emotionale Abgründe. Janáčeks Sittengemälde dokumentiert berührend, was gesellschaftlicher und religiöser Druck mit Menschen macht. Und da ist es noch immer aktuell.
Im dörflichen Idyll gerät die verliebte Jenufa in die Mühlen einer zerstörerischen Moral. Die zeitlose Bühne von Kathrin-Susann Brose nutzt einen multifunktionalen Guckkasten, der im ersten, sommerlichen Akt die Kornkammer der Mühle andeutet und im zweiten die mit Kruzifix und Heiligenbildern realistisch ausstaffierte Kammer der Küsterin. Unaufhörlich kündigt Schnee die tödliche Eiszeit an. Erst im dritten Akt, wenn es tropfend auf der Bühne taut, fallen die Wände, weitet sich der Raum Richtung Hoffnung.
Jenufa ist verliebt in den Frauenhelden Stewa (Lars Oliver Rühl als trinkfester Lebemann). Dessen ei­fersüchtiger Halbbruder Laca (William Saetre als trotziger ewiger Zweiter) zerstört mit einem Messer das schöne Gesicht Jenufas und erreicht sein Ziel: Stewa lässt die Schwangere im Stich. Um die Ehre ihrer Tochter zu retten, ertränkt die Küsterin den Säugling.
Gudrun Pelker, als Küsterin Buryja gouvernantenhaft ausstaffiert (Kostüme Renée Listerdal), singt und spielt das verzweifelte Ringen um einen Ausweg aus eigentlich auswegloser Situation furios, gestaltet das Psychogramm eines Menschen zwischen Liebe und Erbarmungslosigkeit, zwischen Täter und Opfer, lotet die Grenze zum Wahnsinn perfekt aus. Petra Schmidts sensible Jenufa ist eine fiebrig Bedrängte. Mit klarem Sopran berührt sie vor allem im expressiven Gebet um das Leben ihres Kindes. Zwei große Frauenrollen, unentrinnbar gefangen im eigenen Wertekosmos. Erst am Ende keimt mit Sühne, Vergebung und einem neuen Paar Hoffnung auf.

Üppige Ensembleleistung
Gut besetzte Nebenrollen und ein bestens einstudierter Opernchor runden die üppige Ensembleleistung ab. Mit drastischer Wucht und schneidender Schärfte treibt die hoch konzentrierte Neue Philharmonie Westfalen unter Chefdirigent Rasmus Baumann die Tragödie so explosiv voran, dass die Sänger zeitweise tapfer dagegen ankämpfen. Die nervös aufgeladene Musik changiert zwischen schriller Atonalität, Folklore und Moderne, fordert Hörgewohnheiten durchaus anstrengend heraus.


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