Ken-David Masur begeistert mit der NPW

Recklinghäuser Zeitung | Bernd Aulich

RECKLINGHAUSEN. Schon wie er das Podium im Ruhrfestspielhaus betritt, wirkt Ken-David Masur wie sein weltläufiger Vater – hoch aufgeschossen und mit erhabenem Schritt. Mit einer majestätischen Souveränität, die man bei einem 35-Jährigen nicht ohne weiteres vermutet.

Von Bernd Aulich

Und auch am Dirigentenpult ähnelt der jüngste Sohn aus Kurt Masurs dritter Ehe mit einer japanischen Sopranistin verblüffend dem väterlichen Vorbild. Seine Zeichengebung gerät noch in der ausladenden Geste höchst präzise. Den Takt schlägt Ken-David Masur akkurat aber keineswegs zackig. Schon bei den Proben für das achte Sinfoniekonzert hinterlässt er bei den Musikern der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) einen hervorragenden Eindruck. Im Ruhrfestspielhaus weiß er auch das Publikum zu begeistern.
Mit einem französischen Programm geht Ken-David Masur volles Risiko ein. Das ist preußisch zackig nicht zu meistern. Da ist Raffinesse gefragt. Ken-David Masur, der schon beim Orchestre National de France assistierte, besitzt sie. Das kann er gleich zu Beginn als Dirigent des dritten Violinkonzertes von Camille Saint-Saëns beweisen. Doch in diesem Werk steht ein Jüngerer im Vordergrund. Der gerade mal 23-jährige Geiger Sergej Dogadin aus St. Petersburg setzt sich über einem zarten Streichertremolo des Orchesters wie in einer wunderlichen Apotheose in virtuose Positur. Die Phrasierung der ausladenden Kantilenen gelingt ihm phantastisch. Sein nuanciertes Dolce-Spiel ist ebenso wie der samtweiche Klang ein Hochgenuss. Und wenn diesem Geiger überhaupt noch etwas fehlt, so ist es die innigste Emphase des Ausdrucks jenseits der ohne artistisches Gehabe vorgeführten tollsten Kapriolen. Kein Zweifel, Sergej Dogadin hat den Marschallstab für die große Karriere im Tornister. Großartig sein Gespür für geschmeidige Melodik im schönsten Zuckerl, der bekannten Méditation aus Jules Massenets Oper „Thaïs“, in der die Wandlung einer Hure zur Heiligen ätherisch überhöht wird.
Auch die Musik César Francks kennt solche Süße. Aber seine von Ken-David Masur auswendig dirigierte einzige Sinfonie kreist bei aller Sinnlichkeit der Harmonik um eine bewegend ausgezirkelte Statik. Sie kennt nichts von den Entwicklungsschüben deutscher Sinfonik. Hier hallt schon in der düsteren Einleitung die erregende Dynamik eines Hector Berlioz nach. Und der junge Masur versteht sich vortrefflich darauf, in der Modulation eines fortwährend variierten diatonisch gefärbten Themas erregende große Dynamik auf kleinstem Raum, gepaart mit französischem Glanz, zu entfachen. Eine beeindruckende Leistung, die hinreichend Beifall fand.

@ www.neue-philharmonie-westfalen.de
Info Wiederholt wird das Konzert am heutigen Dienstag, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen. Karten Tel. 0209 / 40 97 200.

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