Noch einmal mit Gefühl

Hellweger Anzeiger

Hier das zarte Ave Maria der Desdemona, da der Kampfesruf des Piraten Corrado: Die „Kamen Klassik“ war ein rasanter Flug durch das vielschichtige und von temperamentvollen Brüchen gekennzeichnete Werk von Giuseppe Verdi. 2000 Menschen wollten die Neue Philharmonie Westfalen auf dem Rathausplatz spielen hören – und erlebten einen schönen Klassikabend, bei dem das Ohr auch untypische Konzertgeräusche verzeiht.

Wenn Sopranistin Eva Hornyakova in der Rolle der Desdemona die Mutter Gottes anfleht, kann schon ein Stöckelschuhgeklapper den lieblichen Klang in der Luft zerreißen. Selbst das Knattern eines in der Ferne vorbeisausenden Motorrads ist so durchdringend, dass das Streicher-Pizzicato aus der Ouvertüre von „Macht des Schicksals“ zurückweicht. Und weil die musikalische Spannung, die sich in den Übergängen der Verdi-Stücke aufgebaut, so empfindlich und die musikalischen Momente so flüchtig sind, hat die Stadt Kamen eine Viertelstunde vor dem Konzert die Bahnhofstraße und den Kreisverkehr vor dem Konzertplatz am Rathaus für den Verkehr gesperrt.

Generalmusikdirektor Heiko Mathias Förster führt die Zuhörer durch das zwölfteilige Programm mit Arien, Duetten, Balletten und Ouvertüren aus einem Dutzend Verdi-Opern von „Giovanna d‘Arco“ bis hin zu „La forza del destino“. Der mexikanische Tenor Sergio Blázquez, im weißen Jackett, glänzt unter anderem in der Rolle des Piraten aus der Oper „Il Corsaro“. Die slowakische Sopranistin Eva Hornyakova, in roter Abendrobe, verzaubert die Zuhörer als Leonora aus „Il Trovatore“.

Die Neue Philharmonie würdigt mit diesem Opernabend das Lebenswerk des italienischen Komponisten, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 200. Mal jährt. Giuseppe Verdi schrieb keine einzige Sinfonie, was dazu beitrug, dass viele seine Ouvertüren zu den wahren Hits bei ausgewiesenen Klassikfreunden wurden.

Viele Fans der Neuen Philharmonie sind gekommen, um in den funkelnden Meisterwerken Verdis zu schwelgen. Die „Kamen Klassik“ liefert immer auch Gänsehaut-Gefühle – erst recht, als das Konzert nach über zwei viel zu kurz erscheinenden Stunden mit einer hinreißenden Liebesarie als dritter Zugabe zu Ende geht.

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