NPW-Konzert: von perfekt bis enttäuschend

Recklinghäuser Zeitung | Bernd Aulich

RECKLINGHAUSEN. Das saß. Perfekt. So explosiv, wie das Orchester zu Beginn des „Don Juan“ mit einer Dreiklang-Rakete in die Höhe stürmt, so matt erstirbt die Klangflut, wenn der lüsterne Held sein Leben aushaucht.

Bravourös eröffnete die Neue Philharmonie Westfalen im Ruhrfestspielhaus mit dem Geniestreich eines 24-Jährigen das vorletzte Sinfoniekonzert der Saison. Auf dem Programm stand ausschließlich Richard Strauss. Die ebenso süffige wie feinnervige Musik des Bajuwaren ist ein Herzensanliegen des scheidenden Generalmusikdirektors Heiko Mathias Förster. Und Strauss’ 150. Geburtstag ist Anlass genug für ein solch homogenes Programm. Gleich zwei der großen Schlachtrösser hatte Förster ausgewählt: neben dem „Don Juan“ die als bombastisch berüchtigte, noch üppiger besetzte Tondichtung „Also sprach Zarathustra“. Die größte Überraschung des Abends war freilich, dass mit Strauss’ einzigem, kaum je zu hörendem Violinkonzert das als konventionell verrufene Jugendwerk eines 17-Jährigen den stärksten Eindruck hinterließ. Das lag zu allererst an der vitalen Spielfreude der aus einer deutsch-japanischen Musikerfamilie stammenden Geigerin Susanna Yoko Henkel. Im teuflisch vertrackten Solopart des ersten Satzes entdeckt sie auf ihrer Stradivari mit nobler Kantilene eine schwärmerische Bruch-Nähe. Die technischen Finessen meistert sie mit links. Nicht minder überzeugend glücken ihr der elegische Zauber des Lento-Satzes und das vor temperamentvoller Bravour strotzende aufgekratzte Tarantella-Finale. Stilgefühl verrät die Zugabe, eine Bach-Partita, zweistimmig gespielt. Bei den Schlachtrössern von Strauss erwies sich die Saalakustik einmal mehr als problematisch. Die mangelnde Durchschlagskraft des „Don Juan“ geht zu einem gut Teil auf ihr Konto. Die lakonische Ironie freilich glückt dem Orchester überzeugend. Enttäuschend dagegen der „Zarathustra“. Nicht nur wegen des unsauberen Trompeteneinsatzes, der die bombastische Dreiklangsbrechung des über die Maßen populären Hauptmotivs verpatzt. Allzu spannungsarm gerät die unendliche Melodie, in der Strauss hier frei nach Wagner schwelgt. So vortrefflich das Orchester die hypernervöse innere Unruhe einlöst, so wenig eruptiv glücken die Umbrüche der steten Metamorphose zwischen euphorischem Überschwang und introvertierter Entrückung. 1997, ein Jahr nach der Orchesterfusion, hat Försters Vorgänger Johannes Wildner im abgerissenen alten Recklinghäuser Saalbau das monumentale Werk auf SonArte wuchtiger, strahlkräftiger und mit mehr Delikatesse eingespielt. Das Publikum dankte gleichwohl mit anhaltendem, freundlichem Beifall.

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