Rossinis Irrwitz zündet nur im Orchester „Der Barbier von Sevilla“ verheddert sich am MiR szenisch in neckischen Details

Recklinghäuser Zeitung | Bernd Aulich

GELSENKIRCHEN. Das schiere Nichts an Handlung dient im „Barbier von Sevilla“ nur als Vorwand, um moussierendste Musik in Szene zu setzen. Am Musiktheater im Revier (MiR) meistert der junge finnische Kapellmeister Valtteri Rauhalammi Gioacchino Rossinis musikalischen Irrwitz mit belebendem Esprit.

von Bernd Aulich

Unter seiner präzisen Leitung läuft die Neue Philharmonie Westfalen mit pulsierendem großem Atem und elektrisierendem Brio zur Rossini-Bestform auf. Mitreißender kann man die sinnliche Sogkraft der rasanten Crescendi und das brodelnde Chaos im herrlich überdrehten Stretta-Gestampfe des ersten Akt-Finales kaum ausspielen.
Gegenüber dieser inspirierten Leistung fällt die teutonisch schwerfällige Szene umso mehr ab. Regisseurin Michaela Dicu entwickelt keine zündende Idee. Schlimmer noch. Sie erzählt das Geschehen brav nach. So verliert sich der amouröse Wettkampf Doktor Bartolos mit dem jungen Spund Graf Almaviva um das attraktive Mündel Rosina in raffiniert herausgearbeiteten Details. Eine Salve von Buh-Rufen war die Quittung für das Regie-Team.
Selten hat man einen szenisch solch lähmenden „Barbier“ im ersten Akt erlebt. Der starre Anblick einer Scheunen-Stirnwand (Bühne: Vera Koch) taugt gewiss als hilfreicher Resonanzboden für die Sänger. Das Auge ödet er an. Hier läuft zur Ouvertüre Andreas Etters Video von einer rasanten Cabrio-Fahrt mit Rosina als Kind durch eine Allee. Zu Beginn des zweiten Akts hängt Joachim Gabriel Maaß als komödiantischer Bartolo im Anblick dieses Films wehmütig Erinnerungen nach. Der Blick reicht nun ins Innere der Scheune. Zu den amüsantesten Einfällen zählt Dong-Won Seos Auftritt als opportunistischer Intrigant Don Basilio mit einer Schnulzen-Einlage. Es bleibt der einzige Verweis auf den Geist der Commedia dell’arte, der in dieser Oper waltet. Gespielt wird sie in Gelsenkirchen unter dem italienischen Titel „Il Barbiere di Siviglia“. Die Rezitative werden nicht gesungen, sondern deutsch gesprochen. Was für ein Stilbruch.
Rossinis immense Anforderungen an einen leichtfüßigen Gesang mit wendigsten Kapriolen erfüllt Alfia Kamalova als Rosina in einer sängerischen Glanzleistung höhensicher und glasklar mit brillanten Koloraturen. Der junge Tenor Hongjae Lim steigert sich nach seiner blassen Auftritts-Cavatine zu einem geschmeidigen Almaviva. Sängerisch überzeugt daneben nur Piotr Procheras Strippenzieher Figaro. In Dicus Inszenierung ist er selbst in Rosina verknallt.

@ www.musiktheater-im-revier.de
Info Weitere Termine 19., 26., 28. April, 2., 3., 9., 20., 24. und 25. Mai. Karten Tel. 02 09 / 40 97 200.

Zurück