Schostakowitsch krönt russischen Abend Varvara Nepomnyashchaya und die NPW brillieren

Recklinghäuser Zeitung | Von Bernd Aulich

RECKLINGHAUSEN. Der russischen Spätromantik widmete Heiko Mathias Förster mit der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) im Ruhrfestspielhaus einen kompletten Abend. Das facettenreiche Programm krönte eine brillante Interpretation der ersten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch.

Man weiß es längst: Der gebürtige Mecklenburger ist im russischen Repertoire zuhause. Hier läuft er mit seinen Philharmonikern stets zur Hochform auf. Dennoch war eine solch minuziöse, das kleinste Detail präzise ausleuchtende Auseinandersetzung mit dem Geniestreich des gerade mal 20-jährigen Schostakowitsch nicht ohne weiteres zu erwarten.

Kaum sechs Jahre ist es her, da arbeitete Gastdirigent Amos Talmon mit der Neuen Philharmonie treffend die parodistischen, grell karikierenden Züge dieses Werkes heraus.

Langjährigen Besuchern der NPW-Sinfoniekonzerte müsste es also vertraut sein. Dennoch zeigte sich das Publikum angesichts des in voller Fahrt abrupt anbrechenden Endes verblüfft. Wer von einem Sinfoniekonzert nur gefälligen Wohlklang erwartet, wird zwangsläufig irritiert sein von der Fülle bizarrer Einfälle.

Was Gastdirigent Talmon im Dezember 2008 an Binnenspannung vermissen ließ, meistert Förster mit Bravour. Es bleibt sein Geheimnis, wie es ihm mit Zeitlupen-Tempi gelingt, dieses Werk in allen Details so energiegeladen und mit solch spannenden Einblicken vor dem inneren Auge des Hörers aufzulichten. Förster begreift Schostakowitschs 1926 uraufgeführte „Erste“ parallel zu Tendenzen der bildenden Kunst der Moderne als Collage floskelhafter Motive. Und er betont im kammermusikalisch verschlankten Spiel der Philharmoniker das Leichtgewichtige, das Heitere ihrer Komik, nicht das Geheimnisvolle.

Verblüffend, wie das schwerfällige Marschthema im Kopfsatz auf das Seitenthema eines schrägen Walzers prallt. Ins schwebend Irreale entrückt Förster in Prokofjew-Nähe den Scherzo-Satz. Wie in Trance hebt der langsame dritte Satz an, um in furiose Klangballungen umzuschlagen. Und die Crescendo-Pracht des Finales glückt überwältigend.

Man hätte ahnen können, dass dies ein Abend der schrägen Klänge würde. Diatonisch angehauchtes russisches Kolorit ließ zur Eröffnung schon Nikolai Rimsky-Korsakows durch die orthodoxe Liturgie inspirierte Ouvertüre „Große russische Ostern“ anklingen. Wie gediegen westlich wirkt dagegen in wärmend dunkler Brahms-Nähe das im Gegensatz zu seinem hoch geschätzten Violinkonzert so gut wie nie zu hörende zweite Klavierkonzert des Schostakowitsch-Lehrers Alexander Glasunow.

Nicht nur die Philharmoniker befleißigten sich bei Glasunow eines luxuriösen intimen Klanges. Die 30-jährige Solistin Varvara Nepomnyashchaya erwies sich darin als Meisterin. Ihre Inbrunst hat nichts Parfümiertes. Ihre Koloraturgirlanden glitzern glasklar. Ihre energiegeladenen Läufe steigern sich zu überwältigender Bravour. Kein Wunder: Die gebürtige Moskauerin hat 2012 einen der bedeutendsten internationalen Klavierwettbewerbe gewonnen, den Zürcher Concours Géza Anda. Auch beim Klavierfestival Ruhr war sie schon zu Gast. Ihrem Spiel zu lauschen, ist ein Hochgenuss.

 

@ www.neue-philharmonie-westfalen.de

Info Das Konzert wird heute, 19.30 Uhr, in Gelsenkirchen am Musiktheater im Revier wiederholt. Karten Tel. 02 09 / 40 97 200.

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