Sinfonische Wucht

Recklinghäuser Zeitung

RECKLINGHAUSEN Engagiert betreiben viele Musiker der Neunen Philharmonie Westfalen (NPW) ihre kammermusikalischen Nebenprojekte. Beim Rathauskonzert nun vereinten sich einige von ihnen zu einem eigenen kleinen Orchester. Denn orchestral klingt es, wenn sich ein Streichquartett mit Holzbläsern und einer virtuosen Harfenspielerin vereint. Und das Programm war musikgeschichtlich höchst aufschlussreich.

Ein spätes Streichquartett von Camille Saint Saens hält gewissermaßen altersweise Rückschau, bündelt im Jahr 1899 noch einmal die ganze komplexe Ausdruckswelt des 19. Jahrhunderts in einem Quartett. Also durchmessen die NPW-Streicher eine aufwühlende Welt voller dynamischer Spannungsbögen und stark verästelter motivischer Bezüge. Hat das Quartett anfangs mit Unsauberkeiten zu kämpfen, so überwiegt doch später ein dynamisch zupackender Biss bei diesem gewichtigen Stück Musik.

Claude Debussys Trio für Flöte, Viola und Harfe zeigt danach viel differenziertere Aspekte auf, als man sie unter dem etwas klischeehaften Etikett „Impressionismus“ erwartet. Hier werden kühne Spannungsfelder ausgelotet zwischen barocker Formensprache und modernen Tonsystemen. Jetzt füllt Bärbel Tirlers begnadet farbiger Flötenton den Saal, weben Lucilla Weyers Finger auf den Harfenseiten fein ziselierte Klangteppiche und es setzt Susanne Schmicklers sonorer Violaton einen virtuosen Gegenpol zur Flötenstimme. Das wirkt mitunter regelrecht frei improvisiert. Zum rauschhaften Finale – Ravels „Introduction et Allegro“ – vereinen sich Bläser, Streichquartett und Harfe. Da fluten Wogen aus Klang und Emotion den Saal. Wenn die Musik zwischen diesen Ausbrüchen wieder Atem holt, blitzen feinste Harfen-Arabesken umso intensiver auf. Selten zieht ein Stück Musik aus so einer reduzierten Besetzung so viel sinfonische Wucht. Oder anders gesagt: Bemerkenswert, wie dieses Kammerensemble in einem relativ kleinen Konzertsaal einen so gut dosierten Umgang mit solchen Kräften unter Beweis stellt.

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