Walzerschwung mit Galanterie gewürzt Im Neujahrskonzert betont die NPW die Eleganz der Strauß-Dynastie

Recklinghäuser Zeitung | Bernd Aulich

GELSENKIRCHEN. Kaum eine Musik wird so plump verramscht wie die Walzer und Polkas der legendären Wiener Strauß-Dynastie. Zum Jahreswechsel freilich sind sich erstklassige Dirigenten und Orchester nicht zu schade, der Verflachung namentlich in Kurhaus-Orchestern mit einem spritzigen musikalischen Feuerwerk Paroli zu bieten.

Von Bernd Aulich

Im Neujahrskonzert der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) war Generalmusikdirektor Heiko Mathias Förster daran gelegen, Esprit, Raffinesse und Eleganz dieser Musik hervorzukehren und es nicht mit dem schnöden Schwung des eingängigen Dreivierteltakts bewenden zu lassen. Mit der Polka „Mit Chic“ von Eduard Strauß, dem jüngsten Sohn des alten Johann Strauß, gelang das eingangs noch nicht so recht. Dass ein Wiener Redakteur den Komponisten als musikalischen Dilettanten schmähte, erscheint jedoch selbst im Vergleich mit den ungleich begabteren Brüdern Johann und Josef als starker Tobak. Den gewonnenen Prozess gegen den Radau-Journalisten feierte Walzerkönig Johann Strauß 1863 zum Juristenball mit einer Prozess-Polka. Und die erklang am Neujahrstag zuerst im Bürgerhaus Recklinghausen-Süd und am Abend im Großen Haus des Musiktheaters im Revier (MiR) so fetzig und so triumphierend, wie sie gemeint war.
Wie verfeinert Johann Strauß im galanten französischen Stil zu komponieren verstand, bewiesen zwei besonders erlesene Förster-Funde: der Walzer „Hofballtänze“ von 1865 und die zuvor zur Krönung von Kaiserin Anna 1856 geschriebene „Anna-Polka“, in der alles andere als ein plumper Aufgalopp anklingt. Dass selbst der findige Strauß-Liebhaber Förster nicht ohne jeden Wiederaufguss hinkommt, zeigte die Maskenball-Quadrille mit Leierkasten-Motiven aus Verdis gleichnamiger Oper. Die erklang nämlich schon im Neujahrskonzert vor zwei Jahren.
Ohne den herrlich melodiösen „Kaiserwalzer“ des jungen Johann und den „Radetzkymarsch“ des alten Johann als Rausschmeißer geht’s ohnehin nicht in einem vom Publikum mit Wonne goutierten und am Ende mit Klatschmärschen begleiteten Programm.
Die verblüffend gemächlich und gravitätisch anhebenden „Dorfschwalben aus Österreich“, die Josef Strauß für eine Breslau-Tour komponierte, der „Sperl-Galopp“, die Polka „Entweder oder“ aus der Operette „Der lustige Krieg“, die Ouvertüren zur „Fledermaus“ und zur vergessenen Operette „Cagliostro in Wien“, die Polka „Leichtfüßig“ des Wiener Strauß-Konkurrenten Johann Helmesberger und die die diabolische „Luzifer-Polka“ standen für eine reizvolle Mischung aus Populärem mit reizvollen Entdeckungen. Ihren Höhepunkt erreichte die Stimmung zu Vater Johann Strauß’ Karneval-in-Venedig-Paraphrase „Für Ernst“. Zur simplen Melodie „Mein Hut der hat drei Ecken“ durften nicht nur wechselnde Instrumentalisten ihren Schabernack treiben. Auch das Publikum war aufgefordert, sich einzumischen. Förster: „Sie können mitsingen, Sie können trampeln oder ein Buh dazwischen rufen.“ Das ließ man sich nicht zwei Mal sagen.

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