Wenn das Museum explodiert

Rasmus Baumann widmet sich mit der NPW gewitzt der Spiellaune des Concerto grosso

Von Bernd Aulich

 

GELSENKIRCHEN/RECKLINGHAUSEN. So raffiniert wie Rasmus Baumann hat selten ein Dirigent einem traditionsverhafteten Publikum zeitgenössische Klangwelten erschlossen. Obendrein mischte er das achte Sinfoniekonzert der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) durch eine gehörige Prise U-Musik auf.

 Starker Tobak also. Trotz der homöopathischen Dosis, die Baumann verabreichte. Das Publikum schluckte sie ohne Murren. Es zeigte sich gar begeistert.

Der Abend stand unter dem Etikett des Concerto grosso. Einer Konzertform, die im Barock so beliebt war wie später die Sinfonie. Aus den 18 Concerti grossi, die Händel nach dem Vorbild der Italiener Corelli und Vivaldi komponierte, wählte Baumann mit dem sechsten aus der Sammlung op. 6 von 1739 das populärste aus. Mit ihm konfrontierte er das ebenfalls fünfsätzige, 1985 entstandene dritte der sechs Concerti grossi von Alfred Schnittke. Jenes gebürtigen Russen, mit dessen sowjetkritischer Oper „Leben mit einem Idioten“ dem Musiktheater im Revier 1993 ein Sensationserfolg glückte. Der Clou: Baumann ließ beide Concerti nicht nacheinander spielen. Er konfrontierte Barock und jüngere Gegenwart in Schnittkes Sinne unmittelbar, indem er beide Concerti miteinander verwob – nicht etwa Satz für Satz, sondern in Blöcken. Mal mit zwei zusammenhängenden Sätzen von Händel, mal mit dreien von Schnittke. Das verblüffende Ergebnis: Händels letzter Satz zum Ausklang der gewagten Collage wirkte wie eine neue Hör-Erfahrung.

„Nach einigen Minuten explodiert das Museum“, beschrieb Schnittke, was im ersten Satz seines Concertos passiert. Seine als Polystilistik bezeichnete Anverwandlung des barocken Satzes kommt nicht als hohle Pose daher. Hier hallt Trauer um Form und Maß nach, die unwiderruflich verloren sind. Schnittke lässt die explodierende museale Form erstarren wie Schlacke. Seine Musik reflektiert eine prägnante Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts: den Verlust aller verbindlichen Orientierung.

Graziös und mit bewundernswert lebhafter Affektgestaltung widmeten sich die handverlesenen Streicher Händel. Im wetteifernden Solopart imponierten der überragende erste Konzertmeister des Hessischen Staatsorchesters Kassel, der Rumäne Razvan Hamza als Gast, und NPW-Konzertmeister Istvan Karacsonyi. Hinreißend sanft glückte der dritte Händel-Satz, die bekannte französische Musette. Schnittkes Minimal-Music-Anklänge bestachen ebenso wie das gleißende Flageolett-Spiel der beiden Soloviolinen.

Ein drittes, zufällig ebenso fünfsätziges Concerto grosso beendete den Abend. Und was für eines. Es schien, als wolle Rasmus Baumann das Publikum der Sinfoniekonzerte im Handstreich für seine populären Reihen „MiR goes…“ und „NPW goes…“ gewinnen. Die 1929 entstandene „Tänzerische Suite“ des Berliner Operettenkönigs Eduard Künneke meisterte das Orchester samt rivalisierender zwölfköpfiger Jazz-Combo als extravagante Mischung aus lakonischem Pfiff nach Art eines Kurt Weill und großem Kino. Baumanns Botschaft kam an: Auch U-Musik kann durch Qualitäten überzeugen. Bei Künneke glückte das mitreißend.

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