Wünsch Dir was mit Wildner

Von Bernd Aulich

GELSENKIRCHEN/RECKLINGHAUSEN. Wunschkonzerte nannte der Hörfunk jenes Format aus der Zeit der Volksempfänger, dem Ältere in den Fünzigern und Sechzigern nur zu gern lauschten. Ein wenig verstaubt wirkt jene Beschwörung einer heilen (Klang-)Welt heute. Das hielt Generalmusikdirektor Rasmus Baumann nicht davon ab, das vierte Sinfoniekonzert der Neuen Philharmonie Westfalen (NPW) als Wunschkonzert auszuweisen.

Dabei war es genau genommen ein Überraschungskonzert. Nicht nur, weil Johannes Wildner als enthusiastisch gefeierter Gast am Pult stand. Der Gründung- und Ehrendirigent, der dieses Orchester zehn Jahre lang bis 2007 durch dick und dünn geführt hat. Überraschend fiel auch die Wahl der Ouvertüre, des Klavierkonzertes und der Sinfonie aus, die sich das Publikum aus jeweils 20 vorgegebenen Stücken wünschen durfte. Den 60-jährigen Österreicher hat das Ergebnis verblüfft.

Was Wildner mit seinen hoch geschätzten Philharmonikern im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen und gestern Abend im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen aus Bedrich Smetanas „Moldau“, der ebenfalls auswendig dirigierten „Rheinischen“ von Robert Schumann und dem vom Blatt gemeisterten zweiten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow mit dem Pianisten Matthias Kirschnereit formte, erwies sich als allergrößte Überraschung. Nämlich als aufgefrischte Hochglanz-Politur für besonders populäre Musik.

Erstaunlich, wie klar der Impulsdirigent Wildner in Smetanas Tondichtung auch die Nebenstimmen akzentuiert. Wie transparent die majestätische Jagd, die Polka der Bauernhochzeit, die Farbenpracht des Nymphenzaubers und die drohend erregten Strudel der Stromschnellen kurz vor dem Ziel prägnante Gestalt gewinnen.

Den stärksten Eindruck hinterließ freilich Rachmaninows c-Moll-Klavierkonzert. Pianist Matthias Kirschnereit bewies schon vor fünf Jahren bei einem Auftritt mit der NPW, wie man den komplexen Klaviersatz dieses Werkes verschlankt und von Schwulst und Kitsch befreit. Noch reifer wirkt seine Interpretation nun, noch raffinierter der Klaviersatz mit seiner Fülle von Arpeggien zu Beginn, der filigran herausgearbeiteten kleinteiligen Struktur im Andante und den mächtigen Oktavsprüngen im Finale. Hier ergab sich die schönste Feinabstimmung mit dem spannungsreich und unverzärtelt auftrumpfenden, zu Beginn tosenden, schon mal das Klavier überdeckenden Orchester. Wie ein Déjà-vu-Effekt wirkte die Zugabe: Rachmaninows impressionistisch angehauchtes G-Dur-Prélude, gefolgt von Debussys bohrendem „Mouvement“ aus der ersten Folge der „Images“.

In Schumanns „Rheinischer“ vermeidet Wildner gängiges Dauerforte, übertriebene Crescendi und massigen Klang. Stattdessen zeigt sich eine austarierte Balance aller Orchesterstimmen. Das innere Zentrum ist der erhabene vierte Satz mit seiner Choral-Majestät. Das ausgelassene Finale schließt sich nahtlos an. Das betont das Auseinanderdriftende der nur durch Quarten zusammengehaltenen Sinfonie. Es scheint, als müssten dem Hörer ihre Bestandteile durch die von Wildner entfachten Zentrifugalkräfte um die Ohren fliegen.

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